Lässt sich der Faschismus noch aufhalten? Über Gefühle, digitale Dynamiken und die Suche nach trotzig-hoffnungsvollen Gegenentwürfen
In der aktuellen Folge von Schöner Glauben treffen sich Moritz, Marie, Jason und Maris auf einer Konferenz an der Akademie Biggesee, um eine ebenso drängende wie beunruhigende Frage zu verhandeln: Ist der Faschismus noch aufzuhalten? Das Gespräch bewegt sich zwischen historischer Einordnung, gesellschaftlicher Diagnose, theologischer Selbstkritik und vorsichtiger Hoffnungssuche. Es ist kein alarmistischer Schlagabtausch, sondern ein tastendes, reflektiertes Nachdenken darüber, in welcher politischen und kulturellen Lage wir uns eigentlich befinden – und was das für progressive Christ:innen bedeutet.
Schon der Einstieg markiert den Ernst der Lage. Moritz erinnert an ein oft zitiertes Wort von Erich Kästner: Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 aufgehalten werden müssen – danach sei es zu spät gewesen. Die Frage, die sich daraus heute ergibt, ist nicht nur, ob Faschismus aufzuhalten ist, sondern auch: Mit welcher Art von Faschismus haben wir es überhaupt zu tun? Und was genau meinen wir, wenn wir vom „Aufhalten“ sprechen?
Keine Wiederholung, sondern eine neue Formation
Ein zentraler Strang des Gesprächs ist die Einsicht, dass sich Geschichte nicht einfach wiederholt. Jason, der als Geschichtslehrer spricht, betont: Der historische Faschismus der 1920er- und 1930er-Jahre und die heutigen autoritären Bewegungen ähneln sich zwar in ihren Effekten, unterscheiden sich aber in ihren Formen. Damals hätten sich Faschisten auch offen so genannt, heute hingegen inszenieren sich viele als Verteidiger der Demokratie, während sie sie faktisch aushöhlen.
Besonders deutlich wird der Unterschied im Umgang mit Medien. Während der Nationalsozialismus auf totale Medienkontrolle setzte, erleben wir heute eine fragmentierte, digital beschleunigte Öffentlichkeit. Einzelne Tech-Milliardäre kaufen Plattformen, Algorithmen belohnen Empörung, Fake News funktionieren als „Nebelkerzen“, die Wahrheit relativieren. „Wir haben einen eigenen Zugang zur Realität“, heißt es an einer Stelle – und genau darin liege die Gefahr: Faktenchecks und rationale Argumente prallen oft wirkungslos ab, weil auf einer emotionalen, nicht auf einer diskursiven Ebene kommuniziert wird.
Diese Diagnose verschiebt den Fokus: Das Problem ist nicht primär mangelnde Information. Es ist eine veränderte Struktur von Öffentlichkeit, in der Gefühle, Bilder und Narrative mächtiger sind als überprüfbare Aussagen.
Faschismus als Gefühlsökonomie
Damit ist ein zweiter, vielleicht noch zentralerer Themenblock eröffnet: die Rolle der Gefühle. Marie bringt früh im Gespräch auf den Punkt, dass Faschismus historisch wie gegenwärtig stark affektiv aufgeladen ist. Angst, Wut, Kränkung und Verlustgefühle sind keine Nebenprodukte, sondern Treibstoffe.
Hier greifen die Gesprächspartner:innen auf die Analyse aus dem Buch Zerstörungslust von Amlinger und Nachtwey zurück. Deren These: Menschen flüchten nicht aus Versehen in den Faschismus, sondern weil sie ihn als Lösung erleben. Sie fühlen sich in einem System „blockiert“, dem sie keine Zukunftsperspektive mehr zutrauen. Die Demokratie erscheint nicht als Schutzraum, sondern als Problem.
Die Autoren identifizieren drei Gruppen, die für autoritäre Angebote besonders empfänglich sind: ökonomisch Abgehängte, eine abstiegsängstliche Mittelschicht mit enttäuschten Leistungsversprechen und Teile der oberen Mittelschicht, bei denen erst die Ideologie ins Spiel kommt. Was diese Gruppen verbindet, ist eine „zukunftslose Gegenwart“. Oder wie es im Gespräch zugespitzt heißt: „Eine fortschrittlichere Welt scheint nicht mehr möglich. In dieser zukunftslosen Gegenwart kehrt die Vergangenheit mit besonderer Macht zurück.“
Aufklärung allein greift hier zu kurz. Wer glaubt, man müsse nur „besser erklären“, verkennt die emotionale Dimension. Faschistische Rhetorik unterläuft gezielt Ansprüche wie Wahrheit, Verantwortung und Zurechenbarkeit. Sie funktioniert nicht über Argumente, sondern über Resonanzräume für Angst und Aggression.
Digitale Verstärkung und KI als politisches Werkzeug
Besonders eindrücklich wird diese Dynamik im Abschnitt über digitale Medien und Künstliche Intelligenz. Jason und Marie beziehen sich hier auf den Medientheoretiker Roland Meyer, der generative Bild-KI als „Nostalgiemaschine“ beschreibt. KI-Generatoren reproduzieren keine neutrale Realität, sondern verstärken bestehende Klischees: weiße Kernfamilien, hypermaskuline Heldenbilder, idyllische Vergangenheiten.
Weil diese Systeme mit Daten aus der Vergangenheit trainiert werden, schreiben sie alte Macht- und Geschlechterordnungen fort. Gleichzeitig visualisieren sie „gefühlte Realitäten“ – etwa diffuse Bedrohungsszenarien durch Migration oder gesellschaftlichen Wandel. KI liefert damit die passenden Bilder für Narrative, die längst in vielen Köpfen existieren.
Besonders brisant ist die Aura von Objektivität, die KI-Produkten anhaftet. Was technisch generiert ist, erscheint vielen als sachlich, neutral, „evident“. So werden emotionale Konstruktionen nachträglich als scheinbare Belege legitimiert.
Hinzu kommt eine politische Ökonomie der KI, die alles andere als neutral ist: energieintensive Serverfarmen, Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung und eine Infrastruktur, die oft auf Kosten marginalisierter Gruppen betrieben wird. KI ist hier nicht nur ein Werkzeug, sondern Teil eines „rücksichtslosen Extraktivismus“, der soziale Ungleichheiten weiter verschärft.
Christentum zwischen Machtkritik und Selbstkritik
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der theologischen Selbstverortung. Mehrfach wird deutlich gemacht: Es wäre naiv – oder heuchlerisch –, das Christentum pauschal als antifaschistisch zu etikettieren. Historisch wurde es oft genug zur Legitimierung von Macht, Ausgrenzung und Gewalt missbraucht.
Marie formuliert es zugespitzt: Christ:innen sollten nicht so tun, als könnten sie das Problem lösen oder als sei ihre eigene Tradition frei von Schuld. Gleichzeitig warnt sie vor einem belehrenden, paternalistischen Aufklärungsmodus, der selbst zur Entstehung autoritärer Ressentiments beiträgt. Wer ständig von oben herab erklärt, „wie man richtig Christ:in ist“ oder „wie man richtig lebt“, verstärkt bei vielen das Gefühl von Bevormundung.
Spannend wird es dort, wo das Gespräch die Perspektive umdreht: Vielleicht ist das Christentum nicht primär eine Dominanzreligion, sondern ursprünglich eine Minderheitenreligion. Die ersten Jahrhunderte christlicher Geschichte waren geprägt von Ohnmacht, Verfolgung und solidarischen Gegenkulturen. Erst seit Konstantin sei das Christentum mit Macht „verheiratet“ worden.
Daraus ergibt sich eine theologische Chance: weg von Herrschaftsnarrativen, hin zu Traditionen der Solidarität, der Gewaltfreiheit und der Hoffnung „gegen die Wirklichkeit“. Oder wie es an einer Stelle heißt: „Liebe hat nie die Macht, über andere zu verfügen.“
Trotzig-hoffnungsvolle Gegenentwürfe
Angesichts all dieser düsteren Diagnosen stellt sich zwangsläufig die Frage: Wo bleibt die Hoffnung? Die Antwort der Runde ist vorsichtig, tastend, alles andere als triumphalistisch.
Jason bringt eine überraschende Beobachtung aus dem Schulalltag ein: Viele Jugendliche seien politisch weniger radikalisiert, als man es in digitalen Debatten vermuten würde. Hassnarrative aus dem Netz stoßen dort oft auf Desinteresse oder Ablehnung. Das gibt ihm Hoffnung, dass die digitale Welt zwar laut, aber nicht allmächtig ist.
Marie setzt auf Vernetzung: Hoffnung entsteht dort, wo sich Menschen zusammenschließen, gegenseitig stärken und nicht in Vereinzelung verharren. Konferenzen wie diese, progressive Netzwerke, solidarische Allianzen – all das sind kleine, aber reale Gegenräume.
Mehrfach fällt im Gespräch der Gedanke einer „trotzigen Hoffnung“. Hoffnung speist sich nicht aus der nüchternen Wirklichkeitsbilanz, sondern aus dem Möglichkeitssinn. Oder in den Worten eines Teilnehmenden: „Hoffnung ist kein Wirklichkeitssinn, sondern ein Möglichkeitssinn.“
Am Ende verdichtet sich das zu einem Bild von Christentum als Protestbewegung – nicht im plakativen Sinn, sondern als gelebte Alternative zu Angst, Zynismus und Gewalt. Nicht mächtig, nicht dominant, aber beharrlich.
Mehr Fragen als Antworten – und genau darin ein Auftrag
Die Podcastfolge liefert keine fertigen Lösungen. Sie will das auch gar nicht. Stattdessen eröffnet sie Denk- und Resonanzräume: über Gefühle, digitale Macht, enttäuschte Zukunftsversprechen und die ambivalente Rolle des Christentums in all dem.
Was bleibt, ist eine Mischung aus Unruhe und Ermutigung. Unruhe, weil die Diagnose ernst ist. Ermutigung, weil Hoffnung nicht als Illusion, sondern als gemeinschaftliche Praxis gedacht wird. Oder, um es mit einem der letzten Sätze der Runde zu sagen: Hoffnung wird zur „Trotzkraft“, wenn man sie nicht alleine trägt.
Wer diese Folge hört, bekommt keine einfachen Antworten – aber viele gute Gründe, weiterzuhören, weiterzudenken und sich weiter zu vernetzen. Genau das macht ihren Wert aus.