Ist die Bibel frauenfeindlich?
Wie eine Podcastfolge von „Schöner glauben“ feministische Bibelkritik neu sortiert
#FUG – Feminismus und Glaube
Eine Frage, die weh tut – und notwendig ist
„Ist die Bibel frauenfeindlich?“ – allein der Titel der besprochenen Buchneuerscheinung löst in der aktuellen Podcastfolge von Schöner glauben spürbare Irritation aus. Franzi und Marie sprechen in der Reihe FUG – Feminismus und Glaube über ein Buch, das viele Glaubende zunächst reflexhaft verteidigen lässt, was ihnen heilig ist. Und doch kreist das Gespräch genau um diese Spannung: Darf man die Bibel kritisieren? Und was passiert, wenn man sie ernst nimmt – so ernst, dass man ihre problematischen Seiten nicht überliest?
Die Folge wird zu einer dichten Einführung in feministische Bibelhermeneutik, ohne akademisch zu werden. Es geht um Macht, Kanon, Auslegung, Gewalt, Solidarität unter Frauen – und um die Frage, wie heutige Kirche mit Texten umgehen kann, die aus patriarchalen Kulturen stammen.
Bibel als Zeugnis – nicht als Diktat
Am Anfang steht eine grundsätzliche Klärung: Was ist die Bibel eigentlich?
Marie setzt früh einen entscheidenden Akzent. Sie widerspricht einem Verständnis, das die Bibel als irrtumsloses, wortwörtlich von Gott diktiertes Buch versteht – eine Position, die etwa in der „Chicago-Erklärung“ von 1978 stark gemacht wurde. Stattdessen formuliert sie ein theologisches Grundprinzip, das die ganze Folge trägt: „Wir glauben mit der Bibel, nicht an die Bibel.“
Die Bibel erscheint hier als vielstimmige Bibliothek, als Sammlung menschlicher Glaubenszeugnisse, entstanden in langen historischen Prozessen. Gerade diese Perspektive öffnet den Raum für Kritik – ohne den Glauben selbst zu gefährden. Im Gegenteil: Wer die Bibel ernst nehme, müsse sie auch befragen dürfen.
Franzi ergänzt aus eigener Erfahrung, wie schwer dieser Schritt fällt, wenn man mit einem starken Autoritätsverständnis aufgewachsen ist. Der Moment, in dem sie begann, den Kanon – also die Entstehung der Bibelsammlung – bewusst zu hinterfragen, beschreibt sie als regelrechten „Schockmoment“.
Kanon als Machtgeschichte
Besonders eindrücklich ist der historische Abriss zum Kanonisierungsprozess. Marie zeichnet in groben Linien nach, wie sich zwischen 400 v. Chr. und 400 n. Chr. schrittweise das formte, was heute als biblischer Kanon gilt.
Auffällig dabei: Diese Entscheidungen wurden fast ausschließlich von Männern getroffen – religiösen Autoritäten in patriarchalen Gesellschaften. Welche Texte als verbindlich galten, welche ausgeschlossen wurden, war nie neutral. Immer ging es um Normen, Moralvorstellungen, um Deutungshoheit.
Spannend wird es dort, wo Marie auf die sogenannten Pseudepigraphen verweist: Texte, die im Namen bekannter Apostel verfasst wurden – darunter vermutlich auch besonders frauenfeindliche Passagen der Paulusbriefe. Autorität wird hier nicht nur ausgeübt, sondern gezielt inszeniert.
Die oft gehörte Gegenrede – Gott habe diesen Prozess ja gelenkt – wird im Gespräch nicht polemisch verworfen, aber nüchtern relativiert. Franzi bringt es auf den Punkt: Wo Menschen schreiben, auswählen und auslegen, fließen immer Prägungen, Interessen und Machtverhältnisse mit ein.
Delegitimierte Frauen: Das Beispiel Isabel
Den inhaltlichen Kern der Folge bildet die Analyse konkreter Frauenfiguren aus der Bibel – besonders eindrücklich am Beispiel der Königin Isabel.
Ausgehend von einem Beitrag im besprochenen Buch zeigen Franzi und Marie, wie systematisch diese Figur delegitimiert wird:
Sie wird selten als Königin bezeichnet, meist nur als „Frau des Königs“ oder schlicht mit Vornamen.
Ihre Fremdheit wird betont – sie gilt als ausländische Bedrohung.
Für die religiösen Fehlentscheidungen ihres Mannes wird sie verantwortlich gemacht: „Seine Frau Isabel verführte ihn.“
Im Gegensatz zu männlichen Königen wird ihr keine Möglichkeit zur Reue gegeben – kein Prophet spricht mit ihr, nur über sie.
Besonders drastisch ist ihr Ende: Während selbst die „bösesten“ Könige begraben werden, wird Isabel symbolisch ausgelöscht – „von Hunden gefressen“, ohne Grab, ohne Würde.
Franzi zieht eine aktuelle Parallele zur politischen Rhetorik in den USA, in der Kamala Harris im Wahlkampf mit Isabel verglichen wurde. Die Muster seien bis heute erkennbar: Frauen in Machtpositionen werden nicht kritisiert, sondern delegitimiert – über Herkunft, Geschlecht, Sexualisierung.
Ein Schlüsselsatz aus dem Buch bleibt hängen: Vielleicht gelten Königinnen dann als „gut“, wenn sie keine eigenen Machtansprüche erheben.
Gewalt, Heldinnen und das Schweigen der Predigt
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf den gewalttätigen Frauenfiguren im Buch Richter: Jael, die den Feind mit einem Zeltpflock tötet, und die namenlose Frau, die Abimelech mit einem Mühlstein erschlägt.
Was zunächst wie eine feministische Erfolgsgeschichte wirken könnte – Frauen greifen aktiv ins Kriegsgeschehen ein – entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ambivalent. Franzi zeigt, wie diese Frauen oft nicht als handelnde Subjekte erzählt werden, sondern als Werkzeuge zur Demütigung männlicher Gegner. Namenlosigkeit wird hier zum Mittel der Abwertung.
Gleichzeitig wird sichtbar, wie selektiv kirchliche Tradition erzählt: Esther, die unterwürfige Retterin, wird gefeiert. Gewalt ausübende Frauen hingegen verschwinden aus Predigten und Kindergottesdienst.
Marie bringt eine irritierende Perspektive ein, inspiriert von der US-Theologin Susanne Scholz: Ist es wirklich feministisch, wenn Frauen Teil gewaltförmiger Machtstrukturen werden? Oder reproduzieren sie damit lediglich männliche Gewaltfantasien?
Das Ergebnis ist kein einfaches Urteil, sondern ein bewusst offener Raum für Deutung.
Solidarität, Privilegien und Stimmen im Text
Ein besonders starkes Motiv der Folge ist die Solidarität unter Frauen. Franzi verweist auf Deborah, die Richterin, die den militärischen Sieg bewusst einer Frau zuschreibt. Marie ergänzt mit weiteren Beispielen: die Hebammen in Ägypten, Vashti vor Esther – Frauen, die Geschichte verändern, weil sie sich verbünden.
Doch diese Solidarität bleibt ambivalent. Franzi erinnert an Sara und Hagar: Auch Frauen können Macht ausüben, Körper anderer Frauen instrumentalisieren, Hierarchien stabilisieren. Privilegien spielen eine Rolle – damals wie heute.
An diesem Punkt führt Marie ein zentrales hermeneutisches Werkzeug ein: F-Voice und M-Voice. Nicht entscheidend sei, ob ein Text von einer Frau oder einem Mann stammt, sondern wessen Perspektive er erzählt. Viele Texte folgen männlicher Lebensrealität. Doch immer wieder blitzen weibliche Stimmen auf – in Liedern, Gesetzen, Erzählungen.
Und selbst diese Stimmen sind nicht automatisch emanzipatorisch. Auch Frauen können frauenfeindlich schreiben.
Kritik als geistliche Praxis
Am Ende der Folge verschiebt sich der Fokus weg von der Vergangenheit hin zur Gegenwart. Entscheidend ist nicht nur, was in der Bibel steht, sondern wie heute darüber gepredigt, gelehrt und gelesen wird.
Franzi formuliert das vielleicht wichtigste Resümee: Wir haben heute Gestaltungsmacht. Wir entscheiden, welche Texte gehört werden, welche verschwiegen, welche kritisch befragt werden.
Marie schließt mit einem Plädoyer für eine lernbereite Kirche. Feministische Bibelkritik zerstöre den Glauben nicht – sie vertiefe ihn. Sie helfe, eigene Prägungen zu erkennen, Machtmuster zu durchbrechen und Texte neu zu hören.
Der Titel mag reißerisch sein. Doch die Folge zeigt: Die Frage nach Frauenfeindlichkeit in der Bibel ist keine Provokation, sondern ein notwendiger Schritt zu einem reflektierten, verantwortlichen Glauben.
Und genau darin liegt die Stärke dieser Episode: Sie lädt nicht zur Abrechnung ein, sondern zur Auseinandersetzung – klug, selbstkritisch und hoffnungsvoll.